Freitag, 4. September 2015

Im Iran

Der Grenzübergang von Armenien in den Iran stellt sich als unkomplizierter heraus als erwartet. Nachdem der Besitzer meines Gasthauses in Meghri mich zur Grenze gefahren hat, muss ich zwar etwas länger auf die armenischen Kontrolleure warten und vor dem iranischen Grenzposten seltsamerweise einem russischen Soldaten meinen Pass zeigen. Auf der iranischen Seite läuft dann aber alles ganz zügig ab. "Welcome to Iran", begrüßt mich ein ziemlich munterer Passkontrolleur, bevor er überhaupt in meinen Reisepass reingeschaut hat. "Where are you from? What is your job? Are you single?" Ich werde diese Fragen noch sehr oft beantworten müssen.

Nachdem ich dann meinen iranischen Eintrittsstempel erhalten habe und meine 60.000 Armenischen Drams in mehrere Millionen Iranische Rials eingetauscht habe, finde ich sehr schnell einen Taxifahrer, der mich nach Jolfa fahren soll, der ersten Stadt mit öffentlichen Transportverbindungen. Die Fahrt verläuft entlang der iranisch-aserbaidschanischen Grenze durch eine wahnsinnig tolle Landschaft, die ein wenig an den Grand Canyon erinnert. In Jolfa will mich mein Fahrer aber nicht aus dem Wagen lassen, sondern mich direkt weiter nach Tabriz fahren. Es kommt zu einem kleinen Streit - mich reizt es, in dieser kleinen Stadt mit der tollen Umgebung zu bleiben, er versteht aber nicht, warum jemand ausgerechnet in Jolfa bleiben will. Am Ende bietet er mir einen dermaßen niedrigen Preis für die Fahrt nach Tabriz an - 200.000 Rial, etwa 5 Euro für 200 Kilometer Taxifahrt, dass ich aufgebe. Allmählich verschwindet der Grand Canyon hinter uns. Unterwegs steigen mal zwei Iraner ins Taxi hinzu, die sich schwer begeistert darüber zeigen, dass ein Ausländer ihr Land besucht; ich darf alle möglichen Fragen beantworten, es wird nur irgendwann unangenehm, als sie mich nach meiner Bezahlung als Lehrer fragen und ich der Frage so gut wie möglich ausweichen will. Am Ende aber verabschiedet sich der redseligere der beiden mit den herzlichen Worten: "I am happy! Good night!"

Tabriz ist eine ziemlich angenehme Stadt, der man nicht unbedingt anmerkt, dass hier
Aussicht auf Tabriz
beinahe 2 Millionen Menschen leben. Problematisch ist aber die Abwesenheit von Zebrastreifen. Zum ersten Mal auf meiner Reise wird es hier zur Herausforderung, die Straße zu überqueren. Beim ersten Mal, als ich das machen muss, stehe ich 5 Minuten am Straßenrand, ohne einen Plan, wie ich es auf die andere Seite schaffen solle, ohne überfahren zu werden. Am Ende mache ich es einfach wie die zahlreichen Iraner, die es während dieser fünf Minuten ohne Probleme schafften: Einfach losgehen - das Auto wird schon halten inschallah.

Nach dem Ankunftstag bleibe ich noch einen vollen Tag in Tabriz, an dem ich mir zunächst den Basar der Stadt anschauen gehe - den größten Basar der Welt. Als ich nachmittags die Überreste einer alten Moschee fotografiere, komme ich zum ersten Mal spontan mit einem jungen Iraner ins Gespräch. "Hello, can I help you?", fragt er mich. Hilfe brauche ich eigentlich nicht, aber er kann mir einiges über Tabriz und seine Sehenswürdigkeiten erzählen. Er selbst wohnt in England, ist auf Heimatbesuch und - er achtet darauf, dass das niemand mitbekommt - alles andere als begeistert von der iranischen Regierung. Wir tauschen Handynummern und E-Mail-Adressen aus - falls ich im Iran in Schwierigkeiten kommen sollte, meint er - und anschließend findet er noch ein paar Freunde, die mich in ihrem Auto zur Blauen Moschee der Stadt fahren. Im Auto werde ich natürlich wieder ausgequetscht:
"How old are you?"
"Are you married?"
"Do you like Iran?"
"Do you like the Iranian girls?"
Bei der letzten Frage zögere ich - das erscheint mir doch gerade in diesem Land wie eine Fangfrage. Direkt wird nachgehakt:
"Are you straight?"

Bei der Blauen Moschee angekommen habe ich zunächst Schwierigkeiten, den Eingang zu
Blaue Moschee, Tabriz
finden. Ich laufe durch eine Art Vorhof, der nicht zur Moschee zu führen scheint.
"Hello, can I help you?"
Die Frage kommt diesmal von einer jungen Iranerin, die auch gerade die Moschee besichtigen will. Wir unterhalten uns ein wenig - ich erfahre, dass sie ihr Ingenieurstudium gerade beendet hat, in Teheran wohnt und mit ihrer Mutter auf Heimatbesuch ist. Zusammen finden wir den Eingang zur Moschee - wo sich direkt eine kleinere Menschenmenge um mich bildet. "Where are you from?", werde ich gefragt. Ich sage, ich komme aus "Belgique", so wird Belgien auf Farsi ausgesprochen, und stoße direkt auf Begeisterung. Ein älterer Iraner unterhält sich mit mir auf Französisch, ein anderer schlägt Belgien auf Wikipedia auf seinem Handy nach und liest mir vor: "Belgium. Capital Brussels. 11 Million inhabitants. Constitutional monarchy. Languages German, French and Dutch. That country?"

Ich gehe mit der Iranerin noch zwei Museen besichtigen, bis sie sich verabschiedet. Ich setze meinen Weg alleine fort und versuche, per Bus zu einem Park am Stadtrand zu gelangen. Ich verlaufe mich aber irgendwie wieder und erreiche eine Anhöhe, von der ich zwar auch eine schöne Aussicht habe, wo ich aber nicht wirklich weiß, wo ich mich gerade befinde.
"Hello, can I help you?"
Ein Jeep hat neben mir angehalten, die Frage kommt von seinem jungen Fahrer. Nachdem ich ihm meine Situation erklärt habe, bietet er mir an, mich zum Park zu fahren. Nachdem ich ein paar Mal höflich abgelehnt habe, steige ich in den ziemlich imposanten Wagen. Während allmählich die Abenddämmerung hinaufzieht, gehen wir durch den Park und trinken etwas - er entschuldigt sich dafür, dass es im Iran keinen Alkohol gibt. Auch ansonsten lässt er kaum ein gutes Haar an der iranischen Regierung. Nachdem es letztendlich dunkel geworden ist, sieht er es als seine Pflicht an, mich zu meinem Hotel zurück zu fahren - durch Tabriz' höllischen Verkehr und sintflutartige Regengüsse.

Qazvin
Am nächsten Tag ziehe ich dann weiter, von Tabriz nach Qazvin. Die Busfahrt dauert ungefähr acht Stunden - allerdings hält der Bus nicht in Qazvin an, sondern fährt weiter Richtung Teheran. Ich muss den Fahrer bitten, mich rauszulassen und den Rest der Fahrt per Taxi fortsetzen. Mein Taxifahrer ist dann leider mit meiner Bitte, ins Stadtzentrum gebracht zu werden, ein wenig überfordert, sodass er mich irgendwo am Stadtrand aus dem Wagen wirft. Über diese Wendung der Ereignisse leicht verärgert, gehe ich zu Fuß weiter Richtung Zentrum.
"Hello, can I help you?"
Ein knapp dreißigjähriger Iraner hat bemerkt, dass ich wohl gerade etwas hilfsbedürftig bin. Ich erkläre ihm meine Situation - er bietet mir an, in seinem Haus zu übernachten. Ich überlege kurz und sage zu. Unterwegs zu seinem Haus fragt er mich, woher ich komme. "Aaaah, Belgique! Maurice Maeterlinck!" Er ist mir direkt sympathisch.

Nachdem wir in seinem Haus ein iranisches Abendessen genossen haben, gehen wir in ein Café, dessen Ausstattung sehr viel alternativer wirkt, als man im Iran erwarten würde. Die weiblichen Gäste könnte man zudem nach iranischen Maßstäben als "leicht bekleidet" bezeichnen - will heißen: weit hinten anliegendes Kopftuch. Nachdem mein Gastgeber gegen mich eine Partie Schach gewonnen hat, gehen wir in ein anderes Café. Dort bin ich als Ausländer natürlich wieder der absolute Star und der Besitzer raunt mir heimlich zu: "Do you need anything? Wine, vodka? Whatever you need, I can bring it to you." Ich schaue ihn etwas ratlos an und er fügt hinzu: "I don't have beer!"

Ich lehne natürlich ab - immerhin ist Alkoholkonsum im Iran strengstens illegal und kann einen in ziemlich große Schwierigkeiten bringen. Wir kehren ins Haus zurück, wo ich ziemlich schlecht schlafe. Am nächsten Morgen suche ich ein Hotel in der Stadt - ich bin recht müde vom vorherigen Abend und erschöpft von dem ganzen sozialen Verhalten. Was ich jetzt brauche, ist ein Tag, an dem ich mal meine Ruhe habe. Ich finde ein Gasthaus in Qazvin, in das ich erst um 3 Uhr nachmittags einchecken kann. Bis dahin kann ich mir ein wenig die Stadt anschauen - ist okay, ich muss nur schauen, dass ich so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf mich lenke...
"Hello, can I help you?"
Verdammt!
Moschee in Qazvin
Abgefangen wurde ich diesmal von einem weiteren Iraner, der wie viele seiner Landsleute nichts wichtigeres kennt als Gastfreundlichkeit. Dass mir heute überhaupt nicht der Sinn nach Gesellschaft steht, scheint ihm vollkommen zu entgehen. Er begleitet mich überall in der Stadt hin; alle meine Versuche, ihn loszuwerden scheitern. Ich muss mir eine iranische SIM-Karte besorgen? Kein Problem, wir gehen noch schnell mit seinem besten Freund zum Mittagsgebet zur Moschee (ich warte draußen), dann können wir das gemeinsam machen. Ich will mich im Hotel ausruhen? Kein Problem, wir gehen zuerst bei ihm zuhause etwas essen, dann kann ich danach dort schlafen. Als ich daraufhin nochmal versuche, zu meinem Gasthaus aufzubrechen, spricht er es offen an: "Don't you understand? You are my guest - God sent you to me, so I can host you!" Bis 10 Uhr abends werde ich ihn nicht mehr los.

Ich will nicht undankbar klingen - der Kerl hätte sich ein Bein ausgerissen, damit ich mich in
Rah-Kushk-Tor, Qazvin
seiner Stadt wohlfühle - und er ist in diesem Verhalten kein Einzelfall. Allerdings haben die Iraner einen ganz anderen Sinn für persönliche Nähe und Distanz (was sich beispielsweise auch darin zeigt, dass gute Kumpels hier Hand in Hand durch die Stadt gehen); und das kann ab und zu richtig anstrengend sein.

Ich bleibe noch einen weiteren Tag in Qazvin - diesmal ohne nennenswerte Begegnungen. Am nächsten Tag geht es dann von der Stadt noch einmal in die Natur - ins Alamut-Tal nördlich von Qazvin. Hier verbringe ich zwei Tage im Dorf Gazorkhan, wo ich ein paar kleinere Wanderungen unternehme und mich der abgasfreien Luft erfreue. Immerhin ist die nächste Station Irans Hauptstadt Teheran, eine Metropole, die nicht gerade für ihre gute Luft bekannt ist.

Soweit meine ersten Tage im Iran, einem der wahrscheinlich unbeliebtesten Staaten der Welt, in jeglicher Hinsicht; einem der Reiseziele, für das mich viele im Vorfeld für verrückt erklärt hatten. Und ich muss sagen: Läuft eigentlich ganz gut. Es gibt wirklich sehr viel zu sehen, die Leute sind sehr hilfsbereit (ab und zu etwas zu hilfsbereit) und das Land wirkt vor allem auch sehr sicher. Fortsetzung folgt. I am happy. Good night.


Großer Basar, Tabriz

Großer Basar, Tabriz

Grab der Poeten, Tabriz
In der Blauen Moschee
Qazvin
Qazvin
Qazvin

Jawohl, es gibt auch Bier im Iran - natürlich alkoholfrei


Nahe der Alamut-Burg

Das Alamut-Tal

Alamut-Burg

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