Samstag, 1. August 2015

Schreibtischterror!

Ich bin sauer.

Ich meine, ich hatte ja nicht erwartet, dass es einfach würde, an das iranische Visum ranzukommen. In einem Land, in dem Hotelpreise durch ein "Ministerium für Kultur und islamische Führung" festgelegt werden, wird man wohl einige administrative Hürden überwinden müssen. Nicht erwartet hatte ich allerdings, dass ich nach Strich und Faden... Also nicht erwartet hatte ich, dass das Ganze quasi so ablaufen würde.


Tatvan
Aber vielleicht erzähle ich erst mal der Reihe nach. Als ich mich das letzte Mal gemeldet hatte, war ich in Mardin. Nach 4 Tagen dort breche ich mit Bela, einem Ungaren, den ich im Hostel kennengelernt hatte, auf. Unser Ziel ist der Vansee. Die Reise verläuft zwar ohne nennenswerte Zwischenfälle, ist aber schon um einiges ungemütlicher als die bisherigen Ortswechsel. Eigentlich sind die Busse nämlich wirklich 1A, man bekommt regelmäßig Getränke und Snacks serviert, es gibt Wi-Fi und jeder Passagier hat sogar seinen eigenen Bildschirm, auf dem er Tabla zocken oder sich irgendwelche türkishe Telenovelas reinziehen kann. Diesmal sind wir aber auf Minibusse angewiesen, in denen Tetris mit Menschen gespielt wird. Will heißen: Es ist sehr, sehr eng. Wir müssen auf unserer siebenstündigen Fahrt fünfmal den Bus wechseln, bis wir in Tatvan ankommen.


Mein Transport auf dem Vansee
Nach mehr als einer Woche in Südostanatolien ist es wirklich schön, nochmal vernünftige Temperaturen um die 30 Grad zu haben und Dinge zu sehen wie Wasser und Bäume. Ansonsten ist Tatvan allerdings nicht so spannend. Am nächsten Tag trennen wir uns: Bela will so schnell wie möglich nach Trabzon, während ich noch etwas länger am Vansee bleiben will. Ich reise an diesem Tag weiter nach Van, und zwar per Schiff. Ich hatte eigentlich erwartet, dass die Fähre zwischen Van und Tatvan so ein Touristending ist, aber da der Vansee tatsächlich komplett untouristisch ist, gibt es so etwas nicht. Stattdessen mache ich die Überfahrt auf einem alten, rostigen Güterfrachter, auf dem ich in der Tat die einzige Person bin, die nicht zur Mannschaft gehört. Während der fünfstündigen Fahrt sitze ich auf dem Deck, lese viel, genieße die Sonne und die schöne Landschaft. Ab und zu kommt jemand von der Crew vorbei, um sein Englisch zu üben, der Koch spendiert mir sogar ein Mittagessen. In Van angekommen setze ich mich dann in den Bus in die Innenstadt, wo mir ein junger Polizist, ohne dass ich gefragt hätte, direkt anbietet, mich zu meinem Hotel zu eskortieren. Habe ich eigentlich schon erwähnt, wie nett die Türken sind?



Die Burg in Van
Van selbst ist alles andere als eine Schönheit. Vor 4 Jahren fiel die Stadt einem Erdbeben Stärke 7,1 zum Opfer, was sehr deutlich Spuren hinterlassen hat. Sehenswert ist allerdings die Akdamar-Insel, die auf dem See etwa 30 Kilometer von der Stadt entfernt ist, sowie eine ziemlich coole Burg, die etwas abseits von Stadtzentrum liegt. 

Nach zwei Tagen in Van fahre ich weiter Richtung Norden. Die nächste Station ist Erzurum, eine überraschend hübsche Stadt mitten im Nirgendwo. Gut, hübsch ist vielleicht der falsche Begriff; hübsch war mit der Ausnahme von Göreme und vielleicht Mardin keine der Städte, die ich in der Türkei besucht habe. Aber es gibt ein paar hübsche Ecken, das will ich damit sagen. Die traurige Wahrheit in der Türkei ist, dass um die schönen Ecken in den Städten herum ein dermaßen geschmackloses Bauchaos veranstaltet wurde, dass den Städten jegliche Grazie abgeht und man sich fragen kann, ob dem Land überhaupt etwas an seinem kulturellen Erbe liegt. Die Autofahrer tragen hier auch ihren Teil bei. Selbst in ehemals kommunistischen Ländern (Albanien, Rumänien,...) habe ich das nicht als so schlimm empfunden wie hier in der Türkei.
Erzurum

Nach einem Tag in Erzurum geht es dann weiter nach Trabzon, dem Ort, wo ich mein iranisches Visum abholen will. Für das iranische Visum sind im Grunde eigentlich nur folgende Schritte einzuhalten:

1) Man muss über eine Agentur einen sogenannten "Reference Code" beantragen und in diesem Rahmen auch angeben, wo man mit dieser Referenznummer sein Visum abholt. Diesen Antrag hatte ich über Internet bereits in Istanbul gestellt. Die Agentur, für die ich mich entschieden hatte, heißt Touran Zamin. Für den Code durfte ich dann 75 Kanadische Dollar bezahlen (Ja, die iranische Agentur rechnet aus irgendeinem Grund in Kanadischen Dollars - nicht so lustig beim derzeitigen Wechselkurs). Als Abholstelle hatte ich das iranische Konsulat in Trabzon angegeben, da ich zu dem Zeitpunkt nicht sicher war, ob ich überhaupt Georgien und Armenien mitnehmen würde. Vielleicht hätte mir die Türkei ja so gut gefallen, dass ich zwei Monate dort verbracht und dafür auf die zwei Kaukasus-Staaten verzichtet hätte. Trabzon, das in der Nähe zu Georgien liegt, erschien mir da als die beste Alternative.

2) Nachdem man den Antrag für eine Referenznummer getellt und bezahlt hat, dauert es 7 bis 10 Tage, bis man eine sehr formelle E-Mail vom Iranischen Außenministerium erhält, in der man seine Referenznummer erfährt. Bei mir dauerte es zu meiner Überraschung nur 3 Tage. Da war ich gerade in Gaziantep angekommen. Da bis dahin alles ziemlich reibungslos abgelaufen war, war ich ziemlich guter Dinge, was den Erhalt meines Visums betraf.

3) Innerhalb einer vordefinierten Zeitspanne (1 oder 3 Monate, je nach Landesvertretung) muss man dann bei dem entsprechenden Konsulat vorstellig werden, ein Formular ausfüllen, zwei Passfotos sowie eine Kopie des Reisepasses abgeben, das Visum bezahlen und am Ende des Tage sein Visum abholen. Ich hatte in verschiedenen Berichten aus Reiseführern/Internet verschiedene Darstellungen gelesen. Einigen zufolge konnte man das Visum am Tag selber bekommen, anderen zufolge hatte man die Wahl zwischen einem normalen Visum, auf das man einige Tage warten müsse, und einem etwas teureren Express-Visum.

Schritt 3 will ich also in Trabzon ausführen. Ich komme kurz vor 9 Uhr morgens am iranischen Konsulat an. Außer mir sind noch 2 andere Kerle da, von denen ich erfahre, dass sie innerhalb von 2,5 Jahren die Welt mit dem Fahrrad umrunden wollen. Wir warten. Und warten. Und warten. Kurz vor halb 10 öffnet eine ziemlich schlecht gelaunte Frau die Tür. Sie lenkt uns hinein und weist uns an, Platz zu nehmen ("Sit!") Ich gebe ihr meinen Reisepass, zusammen mit der Referenznummer. Sie durchblättert den Pass (wahrscheinlich sucht sie nach einem israelischen Stempel) und reicht ihn an einen etwas freundlicheren Kollegen weiter. Und dann warte ich. Und warte. Und warte. Nach einer halben Stunde kommt der Kollege zurück, ich bekomme das berüchtigte Visum-Antragsformular, ein Überweisungsformular für die Visumkosten (50 Euro) und die Information, dass ich mein Visum nach einer Woche abholen könne. Als ich frage, ob es eine Möglichkeit gäbe, die Prozedur ein wenig zu beschleunigen, meint die nette Dame schlicht: "Of course not!" und schaut mich dabei an, als ob aus meinem Kopf ein dritter Arm wachse. Als ich mich dann hinsetze, um schon mal das Formular in Ruhe auszufüllen, habe ich scheinbar den Bogen überspannt. "Go outside!", keift die Beamte mich an.

Draußen unterhalte ich mich nochmal mit den zwei weltradelnden Ungaren. Zu meinem Entsetzen sitzen die beiden seit 10 Tagen in Trabzon fest, weil sie im Konsulat nicht an ihr Visum herankommen. Genau wie ich wurden sie auch wieder auf die folgende Woche vertröstet. Ich fasse daraufhin ziemlich schnell den Entschluss, dass ich nicht in Trabzon auf mein Visum warten, sondern ein neues Visum in der iranischen Botschaft in Tiflis, Georgien beantragen werde; auch wenn das heißt, dass ich wieder bei Schritt 1 anfangen und nochmal 75 CAD bezahlen kann. Ich hoffe wirklich, dass der Iran das wert ist.

Der Grund, warum ich lieber in Tiflis auf das Visum warte als in Trabzon, ist ziemlich einfach: Georgien ist meiner Erfahrung nach für Alleinreisende wie mich das angenehmere Land. In der Osttürkei gibt es nämlich kaum Hostels (in Tatvan, Van, Erzurum und Trabzon habe ich nur in billigen Hotels geschlafen), was für mich bedeutet, dass es schwieriger ist, Anschluss zu finden. Ursprünglich hatte ich vorgehabt, in der Türkei Couchsurfing zu probieren und hatte in Van, Dyarbakir und Trabzon auch ziemlich viele Anfragen verschickt, hatte dann aber nur Absagen erhalten. In Trabzon kam ich dann zufällig mal mit einem Couchsurfer ins Gespräch, der mir klipp und klar erklärte, mein Problem sei, dass ich kein hübsches Mädchen bin.


Sumela
Um meinen letzten Bericht aus der Türkei dann doch noch versöhnlich ausklingen zu lassen: Der darauffolgende Tag war ziemlich gut. Ich hatte beschlossen, per Anhalter zum Sumela-Kloster zu fahren. Ich komme zuerst bei zwei Handwerkern unter, die unterwegs sind zu einer Baustelle in einem Dorf, das etwa 10 Kilometer vom Kloster entfernt liegt. Dort gehe ich dann in einen Laden, um Wasser zu kaufen, wo ich mit einem Türken ins Gespräch komme. Er erzählt mir, dass er in Dänemark wohnt und zurzeit mit seiner Familie auf Heimaturlaub ist. Spontan bietet er mir an, mich zum Kloster mitzunehmen. Und so gerate ich mitten in den Ausflug einer Großfamilie: neben dem Mann, seiner Frau und seiner vierjährigen Tochter (die irgendwie einen Narren an mir gefressen hat und mich ständig an der Hand haben will) sind auch die zwei Großmütter und die zwei Großväter dabei. Die Familie ist ganz begeistert, sich um einen Touristen kümmern zu können und macht als Erinnerungsstück ganz viele Familienfotos mit dem komischen Belgier. Und ich bin ziemlich beschämt, als mir die Familie auch noch den Eintritt bezahlt und ich es einfach nicht schaffe, das abzulehnen. Habe ich schon erwähnt, wie nett die Türken sind?

So, und das war die Türkei. Auch wenn nicht alles so geklappt hat, wie ich es mir vorgestellt hatte, die Städte nicht immer sehr angenehm sind und Unterkünfte ein Problem darstellen - die Leute sind unschlagbar und stellen für mich trotz der Kommunkationsbarrieren das Highlight dieses Landes dar.

Weiter geht es nach Georgien!








Burg in Van


Aussicht von der Burg




Akdamar - ein Vorgeschmack auf Armenien


Erzurum




Ein überraschend schöner Park in Trabzon


Trabzon


Hagia Sofia in Trabzon




Sumela




Sumela


Der omnipräsente Staatsgründer Mustafa Kemal Attatürk

Samstag, 25. Juli 2015

Durchs wilde Kurdistan

Er: "Where are you from, my friend?"
Ich: "Belgium."
Er: "What?"
Ich: "Belgium..."
Er: "Germany?"
Ich: "No, no, Belgium!"
Er: (Pause) "Germany?"
Ich: "Eeeeeeh... yes, I am from Germany!"
Er: "Aaaaah, Germany! Very good country!"
Ich: "Yeaaaaaah....."

Solche Unterhaltungen führe ich zurzeit etwa zehnmal am Tag. Wenn es etwas gibt, was mir momentan leidtut, dann ist das die Tatsache, dass ich kein Türkisch spreche. Nicht nur wären dadurch einige Situationen sehr viel einfacher zu bewältigen (z.B. einfach eine blöde Bushaltestelle finden). Aber ich habe auch den Eindruck, dass mir einfach etwas entgeht, da ich mich mit den sehr netten, hilfsbereiten, herzlichen und großzügigen Menschen, denen ich hier in der Türkei begegne, nicht richtig unterhalten kann. Ziemlich häufig sind nämlich auch solche Konversationen:

Er: "^ş+z$h%ı&/*~üğé?"
Gaziantep
Ich: "Eeeeeeeeeehm..."
Er: "İ^#ş$+z[$h%~ı&4*/*~?"
Ich: "Ööööööööööööh..."
Er: "^ş+z$h%ı&/*~üğé?"
Ich: "Belgıum...?"
Er: "İ^#ş$+z[$h%~ı&4*/*~?"
Ich: "Ääääääääääääääää..."
usw. 

Wobei: Möglicherweise würde mir selbst Türkisch hier keine Türen öffnen. Ich befinde mich zurzeit in Südostanatolien, in dem ein Großteil der kurdischen Bevölkerung des Landes wohnt. Daheim hat diese Region einen eher zweifelhaften Ruf und gilt als politisch instabil und - aus aktuellem Anlass - als potenziell gefährlich.

Ich persönlich, und ich kann jetzt hier nur über meine subjektive Erfahrung sprechen, fühle mich hier aber absolut sicher. Ich habe nach dem Attentat in Suruc, für dessen Opfer ich tiefes Mitgefühl habe, keine politischen Demonstrationen gesehen; ich bin nur einmal auf einer Busfahrt in eine Militärkontrolle geraten (einfach Pass zeigen und fertig) und ich hatte nie das Gefühl, dass mein westliches Aussehen und Auftreten mich in irgendeiner Form in Gefahr hätte bringen können. Wenn man die aktuelle Berichterstattung oberflächlich verfolgt, könnte man meinen, der Südosten der Türkei sei ein riesiges Minenfeld, das nur darauf wartet, vom IS einkassiert zu werden. Ich kenne mich nicht genügend aus, um das groß kommentieren zu können; aber so wie ich die Dinge um mich herum momentan wahrnehme, herrscht für die meisten Menschen hier der ganz normale Alltag.

Den ersten Eindruck von Südostanatolien habe ich, wie gesagt, in Gaziantep, der größten Stadt der Region, gewinnen können. Ich verbringe hier eigentlich nur einen Vormittag, an dem ich mir die Gegend um Basar und Altstadt anschaue.


Sanliurfa
Nachmittags nehme ich dann den Bus nach Sanliurfa. Irgendwo zwischen Gaziantep und Sanliurfa muss ich wohl eine unsichtbare Grenze überquert haben, denn ab jetzt wirkt alles noch sehr viel orientalischer. Hier fühle ich mich in kurzer Hose wirklich nicht mehr wohl, und etwas zu essen zu finden, ist vor Sonnenuntergang auch nicht so einfach. Mein Hostel versteckt sich irgendwo zwischen den Gassen der Altstadt, und kurz vor dem Eingang empfängt mich eine spielende Gruppe Kinder mit einstudiertem Text: "Hello! Hello! Money? Money? Money?" Was für Nervensägen.

Mein Ankunftstag in Sanliurfa ist der letzte Tag des Ramadan, der Vortag des dreitägigen Bayram-Festes. Im Laufe des Tages mache ich aber die Erfahrung, dass es nicht die beste Idee war, ausgerechnet an diesem Tag nach Sanliurfa zu reisen. Ich gehe abends mit drei Volunteers aus Gaziantep durch die Stadt. Als wir nach Sonnenuntergang irgendwann etwas zu essen finden wollen, ist die Stadt dermaßen überfüllt, dass wir nur im Schneckentemo vorwärtskommen. Klar, die Leute dürfen wieder essen und trinken, wann sie wollen; das muss gefeiert werden. Für Außenstehende wie uns ist das alles aber eher anstrengend. Wir finden letztendlich etwas zu essen - in einer halboffiziellen Imbissbude in einer dunklen Seitengasse, wo ein paar syrische Flüchtlinge extra für uns noch mal den Grill anmachen. Klingt gruselig, war aber lecker.


Harran
Die nächsten Tage verbringe ich mit einigen Ausflügen in die Umgebung von Sanliurfa - ich sehe Göbeklitepe, die Ausgrabungsstätte eines der ältesten Tempel der Welt, sowie Harran, eines der ältesten konstant bewohnten Dörfer der Welt, das als Geburtsort von Abraham eine bedeutende Rolle im Alten Testament spielt.

Weiter gehts nach Mardin, der bisher schönsten Stadt, die ich auf meiner Reise gesehen habe. Auf der Suche nach meiner Herberge verlaufe ich mich direkt wieder mal, werde aber von ein paar Leuten in meinem Alter in ihr Haus (aus dem in voller Lautstärke Jimi Hendrix dröhnt) auf einen Tee eingeladen. Es stellt sich heraus, dass es sich bei diesen Leuten um eine Band handelt, die gerade dabei sind, eine Probepause einzulegen. Nach mehreren Tees (oh ja, dıe Türken lieben ihren Tee) zeigen sie mir den Weg zum Hostel.


Mardin war im Laufe der Jahrhunderte Zankapfel aller möglichen Völker - Assyrer, Araber, Perser, Mongolen, Osmanen und Kurden. Die Altstadt befindet sich auf einem Berg, unter dem sich die mesopotamische Tiefebene ausbreitet. Sie besteht aus einem Labyrinth aus Gassen, in dem sich ein Basar versteckt und aus dem vereinzelt die eine oder andere Moschee herausschaut. Orient pur.


Neben der Unmenge an uralter Geschichte, die die Region aufweist, macht den Reiz an Südostanatolien auch die Tatsache aus, dass sich kaum ein anderer Westeuropäer in diese Gegend verirrt. Das hat zwar zur Folge, dass es nicht immer so einfach ist, von Ort zu Ort zu kommen oder eine Unterkunft zu finden, und dass die Sprachbarriere schon enorm ist; allerdings hat man so auch den Eindruck, den Ort wirklich für sich entdecken zu können, ohne sich auf abgetrampelten Touristenpfaden zu bewegen.

So weit mein Bericht. Es folgen noch einige Bilder aus der Südosttürkei, die für einmal nichts mit Anschlägen, Krieg oder Demonstrationen zu tun haben. Ich hoffe, dass sie euch gefallen.

Viele Grüße

Pascal


Gaziantep




Sanliurfa


Sanliurfa











Harran


Mardin - von unten...


...und von oben


Im Basar von Mardin

Eine von Mardins vielen Moscheen

Midyat, eine Stadt in der Nähe von Mardin



Noch mal Midyat


Zafaran, eın syrisch-orthodoxes Kloster



Freitag, 17. Juli 2015

Kappadokien und die Fahrt in den Osten

Dass ich mich noch nicht totfotografiert habe, grenzt beinahe an ein Wunder.


Nachdem ich die 5 ersten Tage in Istanbul verbracht hatte, nahm ich abends einen Nachtbus ins Landesinnere. Die Fahrt verlief recht ruhig, aber ich konnte trotzdem kein Auge zu machen. In Bussen schlafen ist sowieso so eine Sache, und dass ich einen schnarchenden Alleinunterhalter neben mir sitzen hatte, war nicht gerade hilfreich.

Zwischendurch durfte ich noch zweimal den Bus wechseln, bis ich stark übernächtigt in Göreme, Kappadokien, ankam. Göreme ist ein Dorf, das im Zentrum einer Gegend liegt, die landschaftlich so ziemlich zum Beeindruckendsten gehört, was ich auf meine jungen Jahre bisher habe sehen dürfen.


Typische Wohnungen in Göreme
Wer schon mal in den USA war, kennt vielleicht den Bryce Canyon National Parc in Utah. Die Gegend um Göreme sieht ähnlich aus, mit seinen riesigen, seltsam geformten, Felsformierungen, die die verschiedenen Täler in der Region charakterisieren. Beeindruckend ist aber vor allem, was der Mensch daraus gemacht hat: Die Gegend war schon seit Jahrtausenden bewohnt (es gibt uralte Tunnelsysteme im Untergrund, die davon zeugen), als im 4. Jahrhundert eine christliche Volksgruppe in die Felsen ihre Wohnungen und ihre Kirchen hineinbaute. Auch heute sind viele Wohnungen in Göreme noch halb Haus, halb Felsen. Ich kenne keinen anderen Ort auf der Welt, an dem Natur und Zivilisation so nahtlos und harmonisch ineinander übergehen.

Dass eine kulturell und landschaftlich dermaßen beschenkte Gegend einiges an Vermarktungspotenzial hat, ist selbstredend. Neben ein wenig rudimentärer Landwirtschaft ist der Tourismus hier sehr deutlich der wichtigste Wirtschaftszweig, was sich an jeder Ecke bemerkbar macht. Überall stehen Souvenirshops und im Unterschied zu Istanbul spricht man hier auch Englisch. Trotzdem erscheint mir Göreme nicht wirklich "spoilt by tourism" - die Atmosphäre ist wirklich angenehm, man wird nirgendwo bedrängt und selbst die Touristen rennen sich nicht gegenseitig die Füße ein. Scheinbar ist die aktuelle Hauptsaison aber auch eher schlecht, es trauen sich weniger Leute als gewöhnlich in die Türkei. Schade für die netten Restaurantbesitzer in Göreme - die können sich dafür wahrscheinlich bei der ISIS bedanken.



Pigeon Valley
Nachdem ich den ersten Tag in Göreme vor allem mit ausschlafen und entspannen verbracht hatte, unternahm ich während der nächsten zwei Tage mehrere Wanderungen durch einige dieser Täler - teils alleine, teils in Begleitung. Wie viele Fotos ich hier gemacht habe, ist wirklich nicht normal, aber es ist halt so, dass man nach jeder Wegbiegung etwas Neues zu sehen bekommt, wo man einfach nur denkt: "Wooooow!" und "Schöööööön" und zack hat man schon wieder geknipst.




Eine typische Touristenaktivität, die sich in Göreme großer Beliebtheit erfreut ist es, in den frühen Morgenstunden eine Heißlufballonfahrt über die Gegend zu machen. Ich selbst habe das jetzt nicht gemacht, da der Spaß einen Preis im dreistelligen Bereich hat und hey, ich bin Weltreisender, ich muss mein Budget im Auge behalten. Es ist allerdings auch schön, um halb 5 Uhr morgens den Sonnenaufgang über dem Red Valley zu genießen und dem Aufstieg der Ballons zuzuschauen.

3 Tage hatte ich in Göreme verbracht, und ich wäre am liebsten noch einen Tag länger geblieben. Allerdings wollte ich auch weiter in Richtung Südostanatolien fahren, und da das Ende des Ramadan bevorsteht, und deshalb viele Familien durchs Land reisen, wurde es ein wenig kompliziert, an Bustickets zu kommen. Mit etwas Glück konnte ich ein Ticket ergattern, das mich nach drei sehr schönen Tagen in Kappadokien nach Gaziantep bringen sollte.


Auf dem Weg nach Südostanatolien
Die Fahrt dauert etwa 8 Stunden und geht zunächst durch die etwas trostlose Steppenlandschaft Zentralanatoliens. Allmählich wird es immer gebirgiger, bis ich gegen Mittag den Eindruck habe, in den Alpen gelandet zu sein. Im weiteren Verlauf wird die Vegetation immer karger. Gegen 18 Uhr steige ich in Gaziantep aus dem Bus. Da es in dieser Stadt keine Hostels gibt, hatte ich im Vorfeld ein Zimmer in einem billigen Hotel im Stadtzentrum gebucht (es ist auch angenehm, mal alleine zu schlafen). Die Adresse hatte ich in mein Notizbuch eingetragen, und über GoogleMaps hatte ich herausfinden können, dass der Busbahnhof etwa 6 km nördlich vom Stadtzentrum liegt.

Ich habe keinen wirklichen Plan, wie ich zum Hotel kommen kann. Aufs Geratewohl kaufe ich ein Busticket und steige in einen Bus, der in die richtige Richtung zu fahren scheint. Als dieser nach etwa 2 Kilometern nach rechts auf eine Schnellstraße abbiegt, drücke ich den Stoppknopf. Ich brauche gute 5 Minuten, um in die Stadt zurückzukommen. Auf den ersten Blick wirkt Gaziantep wie der letzte Ort, wo man in Brüssel lebend gesehen wurde. Ich gehe weiter Richtung Süden, bis ich bei einem Friseursalon den Besitzer nach der Adresse frage. Dieser ist mit der Frage etwas überfordert, holt aber die einige Nahbarn zu Hilfe, von denen einer etwas Deutsch spricht. Er beschreibt mir den Weg und es wird mir allmählich klar, dass ich noch lange nicht in der Nähe meines Hotels bin.
Gaziantep

Ein junger Motorradfahrer, der die ganze Szene beobachtet hat, ruft mir zu: "Adress? Adress?" Ich gehe zu ihm und zeige ihm mein Notizbuch mit der Adresse. Er lacht und deutet auf sein Motorrad. Wenn sich jemand mit 14 Kilo auf dem Rücken und ohne Helm zu einem Wildfremden in einer unbekannten Stadt aufs Motorrad setzt und dann in Schwierigkeiten gerät, kann er bei mir kaum mit Mitleid rechnen. Ich mache eine dankend ablehnende Handbewegung und meine:
"No, no, very nice, thank you!"
"Yok, no problem!"
"No, no, I will walk."
"Yok, yok! Allah, Allah!"
Das ist natürlich ein Argument.

Ich setze also, entgegen besseren Wissens, alles auf eine Karte und steige auf das
Motorrad. Los geht es. Mein Chauffeur fährt auf eine Schnellstraße. Wie schnell er fährt, sehe ich nicht - der Tacho ist kaputt. Dafür fliegt mir aber die Kappe vom Kopf. Im Stadtzentrum angekommen, schlängelt er sich zunächst durch den dichten Verkehr. Da ihm das aber zu langsam ist, nimmt er eine Abkürzung über die Bürgersteige. Als er mich nach 10 Minuten, Allah sei Dank, von der Kiste lässt und grinsend auf mein Hotel deutet, mache ich den tiefsten Erleichterungsseufzer meines Lebens.

Ich glaube, ich bin im Osten angekommen.





Das erste Kamel auf meiner Reise




"Love Valley" mit seinen typisch ehm spargelförmigen Felsformierungen


Sonnenaufgang über Kappadokien

Freitag, 10. Juli 2015

Der Anfang


Gemessen daran, wie nervös ich während der Tage vor meiner Abreise war, ist es schon seltsam, wie normal einem alles kurze Zeit später vorkommt. Ich bin jetzt seit 4 Tagen in Istanbul, und im Vergleich zu anderen Rucksackreisen, die ich vorher unternommen habe, waren die Tage bisher noch nicht allzu ereignisreich. Das ganze kommt mir eher so vor, als ob ich mich auf einem City-Trip befände, von dem ich morgen schon nach Hause zurückkehren würde. Das eigentliche Reisefeeling muss sich irgendwie noch einstellen. 

Das soll aber nicht heißen, dass mir Istanbul mir nicht gefiele - im Gegenteil! Ich bin eigentlich schon ziemlich sicher, dass ich in ein paar Jahren bestimmt noch mal hierhin zurückkehren werde - dann aber mit einem weniger knapp bemessenen Budget. Ich werde jetzt nicht Tag für Tag aufzählen, was ich hier alles gemacht oder gesehen habe, sondern mir nur ein paar allgemeine Eindrücke von der Seele schreiben.
Typische Verkehrssituation in Istanbul - leider ohne Sound
Das erste, was mir schon am ersten Tag sofort auffiel, war der Verkehr. Meine Güte, der ist vielleicht verrückt! Ich hatte das zwar schon gelesen und gehört, dass das in Istanbul einem Schauspiel gleichkomme, aber ich hatte eher etwas Marke Bukarest/Kiev/Tirana erwartet, also etwas weniger regelkonform, als wir es zuhause kennen, aber alles in allem doch ganz ertragbar. Nicht erwartet hatte ich, dass Station 1 meiner Reise schon dunkle Vorahnungen in mir wecken würde, was ich erst mal in Indien zu erwarten habe. Man muss sich das so vorstellen: Fließenden Verkehr habe ich hier so gut wie nie gesehen, Staus sind an der Tagesordnung. So ziemlich jeder Autofahrer ist deswegen sehr genervt und denkt, es würde besser gehen, wenn er ordentlich oft hupe. Gehupt wird aber auch, um "Achtung, ich komme!" oder "Geh mir aus dem Weg!" zu sagen. Straßenschilder und Ampeln werden inmitten dieser ohnehin schon nervenaufreibenden Situation eher als unverbindliche Hilfestellungen angesehen - nicht nur von den Autofahrern, sondern auch von den Fußgängern, derer es viel mehr gibt, als die Bürgersteige zulassen. 


Die Blaue Moschee
Inmitten dieser chaotischen Großstadtszenerie ragen einige architektonische Meisterwerke in den Himmel, für die alleine sich ein Besuch dieser Stadt lohnt. Der Augenblick, als ich zum ersten Mal die Blaue Moschee sah, war der erste Wow-Moment, den ich auf meiner Reise hatte. Leider hielt mich die ziemlich lange Touristenschlange am Eingang bisher davon ab, hineinzugehen (auch wenn alleine reisen für mich kein Problem darstellt - alleine schlangestehen ist trotzdem doof). 
Marktszene nahe Großer Basar
Verlässt man aber Sultanahmet, wo sich die meisten Touristenattraktionen konzentrieren, ist es überraschend, wie untouristisch diese Metropole eigentich ist. Klar, hier und da hört man in der Tram Deusch oder Englisch, aber die Stadt ist weitläufig genug, dass man sich oft wie der einzige Fremde weit und breit vorkommt. Hinzu kommt, dass die Istanbuler sich, im positiven Sinn, nıcht groß um die Touristen scheren: Ich hatte eigentlich erwartet, ähnlich wie in Marokko ständig wegen irgendeinem Quatsch angelabert zu werden, und die ganze Zeit vor Trickbetrügern auf der Hut sein zu müssen; tatsächlich habe ich aber nichts dergleichen erlebt. Sieht man mal vom Verkehr ab, ist es wirklich eine sehr entspannte und sichere Stadt.

Autofreies Istanbul - Büyükada
Am besten gefallen hat mir Istanbul aber dort, wo es am wenigsten nach Istanbul aussah: auf den Prinzeninseln. Diese 9 Inseln liegen etwa 20 Kilometer südlich vom Festland und bestechen durch ein Atout, das die Stadt sonst nirgendwo aufweisen kann: Es gibt keine Autos! Nachdem ich 3 Tage als Fußgänger permanent um meine Haut hatte fürchten müssen, war der Ausflug nach Büyükader, der größten der Prinzeninseln, eine wahre Kur.

So weit das Resumee meiner ersten 4 Tage on the road. Stimmungsmäßig bin ich wie gesagt noch nicht ganz bei meiner Reise angekommen, aber ich denke, dass sich dass noch geben wird. 
Morgen geht es dann ostwärts!
 
Liebe Grüße
Pascal

Einige weitere Eindrücke:


Nordseite des Goldenen Horns, mıt Galata-Turm
Skyline des modernen Istanbul
Hagia Sofia / Ayasofya
Ortaköy-Moschee - im Hintergrund eine der Verbindungsbrücken zwischen Europa und Asien
Aussicht auf Büyükada

Dienstag, 7. Juli 2015

Kurze Mitteilung

Ich bin soeben in meinem Hostel in Istanbul angekommen.

Lieben Gruß

Pascal